Ehrliches Mitteilen – Ein Erfahrungsbericht

von | 14. Sep 2022

Im Frühjahr 2022 habe ich eine Podcast-Reihe zum Thema Sucht gemacht. Als ein möglicher Gesprächspartner wurde mir Gopal Norbert Klein empfohlen. Ich schrieb ihn an und bekam eine automatische E-Mail, dass er nicht mehr für Interviews im Rahmen von Kongressen oder Youtube Kanälen zur Verfügung stünde. Es sei genug gesagt. Man könne sein Buch lesen.

Das tat ich, es war an einem Tag ausgelesen. Es hat mich eingesaugt, fasziniert und ich habe ständig innerlich genickt. Etwas in mir hatte das Gefühl, hier eine Lösung in der Hand zu haben, nach der ich schon lange auf der Suche war. Gopal Norbert Klein beschreibt einen Zustand unseres Nervensystems, den er (und andere) Entwicklungstrauma nennt. Die Lösung für diese Art von Trauma: das Ehrliche Mitteilen. Ein Kommunikationsform, die direkt aus dem Jetzt berichtet. Die Vergangenheit und was dort geschah spielt keine Rolle dabei. Keine Schuld oder Vorwürfe. Keine Briefe, die verschickt oder verbrannt werden müssen. Einfach nur ein Report aus dem Jetzt, auf körperlicher, Gefühls- und Verstandesebene.

Der Tenor von Gopals Buch, das sich auf große Werke der Traumaforschung stützt: Was unser Nervensystem in ein bestimmtes Korsett gezwungen hat, war einst der Mangel an Ausdruck für das, was wir empfunden, gefühlt oder gedacht haben. Dadurch ist uns die Fähigkeit verloren gegangen, mit unserer Umwelt wirklich in Kontakt zu gehen, uns mitzuteilen. Vielleicht fehlten uns die Worte, vielleicht wollte es keiner hören. Jeder hat das, der eine mehr, der andere weniger stark.

Kinder können intensiv sein in ihrem Leid, ich habe selbst drei. Manchmal wollen wir ihren Schmerz nicht mitfühlen, wir spielen ihn herunter oder rationalisieren ihn. Manchmal erinnert ihr Schmerz zu sehr an den eigenen, den wir nicht fühlen wollen, darum gehen wir darüber hinweg, sind nicht ganz für das Kind da, das dann lernen muss, mit seinem Innenleben mehr und mehr allein klarzukommen. So zumindest passiert es bei den von Klein postulierten Autonomie Typen. Ihre Rettung ist eine Innenwelt, meist der Kopf, der zum einzigen Gegenüber wird, die Außenwelt wird etwas Fremdes, zu dem es schwer wird, wirklich in Beziehung zu treten.

Mir wird klar, ich bin so ein Autonomie-Typ, ich mache alles mit mir selbst aus. Soziales Leben findet meist über eine berufliche Rolle statt. Früher war ich Webdesigner mit Personal Brand Coaching, heute bin ich Wirt und Podcaster. Alles Rollen, in denen ich mit Menschen in Kontakt komme, ohne zu tief ans eigene Eingemachte zu müssen. Meine Enneagramm 7 Fixierung macht es mir leicht, mit Menschen in Kontakt zu treten, doch es fällt mir schwer den Kontakt über die Rollen hinaus zu halten, Freundschaften zu pflegen. Ich ghoste Menschen, versuche sie innerlich von mir abzuschneiden, um sicher zu sein und leide dadurch innere Leere. Durch Ehrliches Mitteilen komme ich damit wirklich in Kontakt. Ich kann sie erfühlen, durchleiden und integrieren.

Ich habe dutzende Selbsthilfe- und Psychologiebücher gelesen. Seit über 30 Jahren. Meistens bin ich bei den praktischen Anwendungen gescheitert. Gopals Buch habe ich sofort in die Tat umgesetzt. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich mich seitdem jeden Morgen 20 Minuten gegenüber gesetzt und wir haben diese Kontaktform praktiziert. Und es ist kein Spaziergang. Anfangs fühlt es sich vielleicht ein bisschen ungewohnt an. Auch das Rituelle, wie wir es machen, ist ein bisschen steif. Irgendwann jedoch passieren die wirklichen Wunder, der echte Austausch. Am Frühstückstisch, beim Spülmaschine ausräumen, beim Auto fahren. Auf einmal geht einem auf, was gesagt werden will. Wir öffnen uns füreinander. Mal banal, mal die Schatzkiste, mal den dunklen Keller.

Bei mir kommt wirklich Bewegung ins Leben. Erstmal nur von der angsteinflößenden Sorte. Ich bekomme nachts Panikattacken, ich schlafe immer schlechter bis kaum noch. Etwas in mir ist aktiviert, der ganze innere Alien zeigt sich. Gefühle von Isolation und getrennt sein, Schwere, Flucht vor Verantwortung, Existenzängste, Todesängste, die Angst, alles vor die Wand zu fahren und als totaler Versager den sozialen Bach runterzugehen.

Ich bin mitten in dem angekommen, was ich bisher nur vom Hörensagen kannte. Ich erlebe eine Lebenskrise, eine dunkle Nacht der Seele, die ich durch Jobs, Projekte und Konsum schon lange vor mir herschiebe. Die Tiefe, die ich mir für mein Leben wünsche, zeigt sich. In aller Heftigkeit, ich wünsche mir eine Pausetaste, Urlaub vom Sein und manchmal einfach nur den Tod.

Es zeigen sich all die Dinge, die in mir lebendig sind, es aber nicht sein konnten, die immer mit Leichtigkeit und Witz überspielt wurden. Das traurige innere Kind, von dem keiner wollte, dass es traurig ist. Ist doch nicht so schlimm.
Ich beginne meine Kinder mit ganz anderen Augen zu sehen, fühle die Heftigkeit ihres Schmerzes, wenn sie sich draußen in der Welt wie ein Alien fühlen. Ich spüre die Last der Pflicht, die schon so früh beginnt, oder das Drama der Einzelanstrengung von jungen Männern, die lernen ihre Familien durchzubringen und versuchen dabei jemand zu werden. Ich wünsche mir Tribes, in denen jeder jeden sieht, wo sich keine inneren Dramen aufbauen und aufschieben, bis sie Depression oder Burnout heißen, und zum Stillstand des Lebens führen.

Und dann immer wieder, nach durchwälzten Nächten, die Erlösung, der Relief. Ehrliches Mitteilen. Zwei Stühle, die sich gegenüberstehen. Einfache Worte, keine Storys, den Schrecken der Nacht abgeben, von jemandem bezeugen lassen. Ich spüre Angst. Ich spüre Schwere. Ich spüre Ausweglosigkeit. Aber auch Leichtigkeit, Heiterkeit, Hoffnung. Manchmal unbändiges Lachen über das eigene Horrorkabinett, das sich am nächsten Morgen nur noch wie ein schlechter Traum anfühlt.

Ehrliches Mitteilen selbst ist so einfach, dass man nicht glaubt, dass es solche Wirkung hat. Wir kommunizieren auf drei Ebenen, mit drei vorgegebenen Floskeln: In meinem Körper spüre ich … Ich fühle … Mein Kopf sagt, dass … Je enger man sich daran hält, desto größer ist der Benefit. Storys, die sich um das eigene Sein ranken, werden wie mit einem Skalpell aufgetrennt. Das Fühlen und das Spüren von der Gedankenebene gelöst.

Langsam wird der Raum größer und es öffnet sich eine vierte Ebene, die des Zeugen. Runde um Runde, Übung für Übung löst sich die Anhaftung an die Zustände, die Gedanken, die Verstrickungen. Es entsteht eine Freiheit, noch unmittelbar während der Übung, die sich immer mehr in den Tag ausweitet. Je öfter man auf diese Kommunikationsebene wechselt, umso häufiger tritt auch diese Gegenwärtigkeit auf.
Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Die Hauptsache ist das Mitteilen von dem, was gerade wirklich ist. Alles andere passiert dann von selbst.

Seit ein paar Wochen biete ich in Bischhausen im Raum Göttingen/Witzenhausen/Heiligenstadt eine lokale Gruppe für Ehrliches Mitteilen an. Du findest sie auch auf dieser Karte: https://www.traumaheilung.net/lokale-gruppen/finden/

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